Artikel von Sabrina Gellermann, veröffentlicht in Business Day am 15. Januar 2025
Jugendliche in Südafrika durch reale Projekte zu erreichen, kann die Innovatoren und Problemlöser von morgen inspirieren.
Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von nur 1,2 % pro Jahr zwischen 2010 und 2019 und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 40 % braucht Südafrika dringend Veränderung. Eine einzelne Lösung gibt es nicht, doch Investitionen in Bildung im Bereich Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik (STEM) an Grund- und weiterführenden Schulen – unterstützt von der Wirtschaft – sind ein vielversprechender Weg.
STEM-Bildung ist entscheidend, um eine qualifizierte Arbeitskraft aus Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen und Technolog*innen auszubilden, die unsere Wirtschaft antreiben kann. Gleichzeitig birgt der weltweite technologische Wandel durch Künstliche Intelligenz (KI), Robotik und Datenwissenschaft enorme wirtschaftliche Potenziale.
Afrika stellt aktuell nur 2,5 % des globalen KI-Markts. Laut Microsoft könnte der Kontinent seine Wirtschaft um ganze 50 % vergrößern, wenn er nur 10 % davon für sich gewinnt. Für Südafrika als eine der führenden Volkswirtschaften Afrikas bedeutet das große Chancen – allein im KI-Sektor.
Der Erfolg unserer Privatwirtschaft hängt stark von einem qualifizierten Arbeitskräftepool mit fundierten STEM-Kenntnissen ab – entscheidend für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Besorgniserregend ist, dass ein aktueller Bericht Südafrika beim verfügbaren Fachwissen auf Platz 100 von 109 Ländern listet. Unsere Talente wandern ab, während Länder wie die USA oder in Europa mit hohen Gehältern locken, um ihren eigenen Fachkräftemangel zu decken. In Europa kämpfen fast 50 % der Unternehmen damit, STEM-Fachkräfte zu rekrutieren – in den USA haben 45 % der STEM-Mitarbeitenden mit einem PhD einen ausländischen Hintergrund.
Unternehmen können helfen, diesen Engpass zu beseitigen, indem sie STEM-Bildung fördern. So entsteht ein talentierter, neugieriger und digital versierter Nachwuchs, der kritisch denkt, kreativ Probleme löst und Innovationen hervorbringt. Das wäre ein Schlüssel zur wirtschaftlichen Erneuerung Südafrikas – und zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.
Wie können Unternehmen STEM unterstützen?
Unternehmen können Begeisterung für STEM fördern, indem sie in Bildungsinfrastruktur wie Labore, Maker Spaces und STEM-Zentren investieren. Schulen wie unsere, mit modernen Einrichtungen, bieten Lernenden die Möglichkeit, praxisnah zu arbeiten und die Verbindung zwischen Theorie und Anwendung zu erleben. Spezialisierte Labore für Biologie, Chemie oder Robotik fördern Innovationen und wecken früh das Interesse an MINT-Fächern.
Maker Spaces mit 3D-Druckern, Lasercuttern und anderen Werkzeugen ermöglichen es Schüler*innen, kreative Ideen zu verwirklichen. Diese Räume fördern nicht nur technisches Know-how, sondern auch Teamarbeit, Kreativität und Freude am Lernen. Solche Infrastruktur muss flächendeckend verfügbar sein – idealerweise als regionale Knotenpunkte, die mehreren Schulen zugutekommen.
Partnerschaften für Praxis und Mentoring
Neben Infrastruktur bringen Partnerschaften mit Schulen den direkten Bezug zur Arbeitswelt. So werden Berufsbilder greifbar und Lernen bekommt echten Bezug zur Realität. Mentoring- und Praktikumsprogramme stärken Fähigkeiten, Selbstvertrauen und das Netzwerk der Lernenden. Sie fördern Neugier und Problemlösefähigkeit – und verbinden Schulwissen mit echten Herausforderungen.
Was wäre, wenn jedes STEM-orientierte Unternehmen in Südafrika eine Patenschaft mit nur einer Schule übernähme? Über Jahre hinweg ließen sich so Talente früh erkennen, fördern und später einstellen. Für Unternehmen entsteht so ein passgenauer Fachkräftenachwuchs – und für Lernende echte Perspektiven.
Lehrerfortbildung und STEM-Aktivitäten fördern
Auch Lehrkräfte müssen gestärkt werden. Da sich STEM-Felder stetig weiterentwickeln, sind regelmäßige Fortbildungen entscheidend. Unternehmen können hier unterstützen – durch Schulungen, Ressourcen oder Einblicke in aktuelle Entwicklungen. So können Lehrer*innen Unterricht gestalten, der inspiriert und STEM als Schlüssel zur Lösung globaler Probleme vermittelt.
STEM-Projekttage oder -wochen sind hervorragende Formate, um Schülerinnen und Schüler zu motivieren. Hier entwickeln sie eigene Ideen für reale Probleme – und entdecken die Freude an Innovation.
Zusammenarbeit mit staatlichen Initiativen
Die südafrikanische Regierung erkennt die Bedeutung von STEM. Der National Development Plan 2030 betont Bildung, Innovation und Qualifizierung. Es gibt nationale und regionale Initiativen, um Schulen auszustatten und Lehrkräfte zu fördern. Unternehmen können diese Bemühungen unterstützen und ihre Wirkung deutlich verstärken – etwa durch Beispiele wie die Sasol Inzalo Foundation, die in STEM-Ressourcen und Lehrkräfte investiert.
Neugier wecken und Zukunft gestalten
STEM-Bildung geht über Fachwissen hinaus – sie weckt Neugier und vermittelt die Freude am lebenslangen Lernen. Neben wirtschaftlichem Nutzen liegt ihr Wert vor allem darin, Kreativität, kritisches Denken und Entdeckergeist zu fördern. Indem Unternehmen junge Menschen in reale Zukunftsthemen einbinden – von Nachhaltigkeit bis Technologie – helfen sie dabei, die Problemlöser von morgen auszubilden.
Durch die Zusammenarbeit mit Schulen entsteht eine echte Win-Win-Situation: Lernende erhalten Orientierung, Unternehmen gewinnen qualifizierten Nachwuchs. Investitionen in STEM-Bildung sind sowohl wirtschaftlich klug als auch gesellschaftlich verantwortlich. Gemeinsam können wir Südafrika zu einem Zentrum von Innovation und Wachstum machen – mit einer neuen Generation an STEM-Talenten als Fundament einer florierenden Wirtschaft.
Sabrina Gellermann ist Schulleiterin der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt.
Quelle: businesslive.co.za
